Die drei Stäbe

Diese Saga stammt aus Böhmen, aber ähnliches wird auf der ganzen Welt erzählt. Der Fürst Svatopluk hatte drei Söhne. Als er im Sterben lag, rief er sie zu sich. Dem ältesten reichte er drei zusammengebundene Holzstäbe und befahl ihm: "Breche sie!". Doch seinem Sohn gelang es nicht; die Stäbe waren einfach zu dick. Auch der zweite und der dritte Sohn waren erfolgslos. Dann band Svatopluk die Stäbe auseinander. Nun gab jedem der Söhne einen Stab, und nachdem er sie erneut aufgefordert hatte, konnten alle drei die Aufgabe leicht vollbringen.
"So wird es auch mit euch sein", sprach der Fürst, "wenn ihr zusammen haltet, so wird das Königreich niemals in Gefahr geraten. Doch falls ihr euch zerstreitet, so wird euch jeder leicht brechen."

So weit so gut. Doch neulich hatten wir in einem Aufstellungsseminar einen Klienten, der – wie die Svatopluk-Söhne – mit seinen Brüdern zerstritten war. Und wir fanden heraus, dass die Stäbe, die der Vater seinen Söhnen gab, nicht gleich waren: Sie waren aus verschiedenen Holzarten. Der eine Stab war aus Lindenholz gemacht, weich und lieblich, duftend und voll von weiblicher Energie. Der andere war aus Esche geschnitten; dem Sonnengott gleich zog er Blitze an sich und sprühte Funken. Der dritte Stab aber war aus der harzigen Tanne und somit dem Saturn und dem Alter geweiht. So konnten sich die Jungen untereinander nicht verstehen, denn jeder von ihnen hielt in Händen ein anderes Stück ihres Vaters Erbe. Jeder sprach eine andere Sprache. Und doch glaubten sie alle, dem Vater treu zu sein.

Jeder Mensch ist unglaublich komplex – nicht nur drei, sondern alle Planeten sind in ihm enthalten. Doch seine Kinder bekommen nur jeweils einen Teil dieser individuellen Zusammensetzung, die anderen Teile stammen vom anderen Elternteil, von entfernteren Vorfahren, aus der Schule oder von den Sternen. So wollen und können wir es nicht verstehen, wenn unsere Geschwister wie aus anderer Welt zu kommen scheinen, aus anderem Holz geschnitten sind. Und doch, nachdem wir in der Aufstellung ein Ritual mit den Stellvertretern aller Brüder durchgeführt hatten und ihnen den Satz zu sprechen gaben: "Ich bin wie du der Sohn unseres Vaters, doch er gab mir einen anderen Stab zu tragen als dir", konnte der Mann mit seinen Brüdern Frieden schließen.

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