Arbeit mit der "Zyklischen Seele"

Dies ist eine Übersetzung des achten Kapitels aus meinem leider bislang nur auf Tschechisch erschienenen Buch über eine fortgeschrittene Partnerschaft mit dem Titel "Ich sehe in dir den Gott, ich sehe in dir die Göttin". In diesem Kapitel beschreibe ich eine Aufstellung, bei der ich die Arbeitsweise mit der "Zyklischen Seele" angewandt habe. Diese Art der Aufstellungsarbeit ist weitgehend auf dem Konzept der "Vier Seelen" des holländischen Schamanen und Aufstellers Daan van Kampenhout aufgebaut. Die räumliche Orientierung und die Arbeit mit den vier Seelen bzw. mit den Übergängen zwischen ihnen benutze ich beim Systemstellen seit Jahren. Nach und nach entstand daraus das, was ich nun die "Zyklische Seele" nenne.

Einführung

Am Anfang des Seminars platziere ich in die Mitte des Aufstellungsraumes einen kleinen, unbeschrifteten Kreis mit der farblichen Darstellung der vier Quadranten, ohne dass ich meine Teilnehmer darauf besonders aufmerksam mache. Ich achte lediglich darauf, dass der Kreis richtig orientiert ist, d.h. mit dem gelben Teil (Familienseele) gen Osten. Diese Präparierung des Raumes verstärke ich vor Seminarbeginn noch mit einer kleinen Anrufung der Ost-, Süd-, West- und Nordkraft. Die Aufstellungen finden dann ganz normal in dem ganzen zur Verfügung stehenden Raum statt, wobei die Platzierung der Stellvertreter in den einzelnen Quadranten von großer Signifikanz ist.


Nun noch kurz zum Konzept der vier Seelen: Zu jeder dieser Seelen, die die vier Stadien unserer Entwicklung repräsentieren, haben wir eine eigene Beziehung. In die Familienseele werden wir hinein geboren, ohne dass wir sie (zumindest bewusst) wählen können und ohne dass wir sie jemals verlassen werden. Unsere Eltern bleiben ja für immer unsere Eltern. In diesem Quadranten sind wir abhängig.

Die Stammesseele wählen wir uns freiwillig, auch wenn es manchmal nicht so scheint (z.B. bei der Religionszugehörigkeit). Sobald wir heranwachsen, suchen wir uns aus, wohin oder zu was es uns zieht. Ob es eine Partei, ein Fußballklub, eine Vereinigung oder der "Stamm der Menschen, die nie irgendwohin gehören wollten" sei, hängt letztendlich nur von unserer Entscheidung ab. Natürlich liegt in diesem Quadranten auch unser Beruf oder die Firma, für die wir arbeiten. Und auch - und das ist wichtig - unsere Partnerschaft oder Ehe. Das mag manche überraschen, und doch ist es dem so. Unsere Kinder, die aus dieser Verbindung stammen - sie sehen in uns ihre Eltern und deshalb sind wir für sie ein Teil der Familienseele. Doch wir haben unsere(n) Partner(in) selbst gewählt, und genauso können wir ihn oder sie verlassen, deshalb ist für uns beide die Stammesseele zuständig.* In diesem Quadranten wollen wir etwas erreichen, wir streben etwas an.

Der dritte Quadrant steht unter dem Patronat der individuellen oder besser gesagt der essentiellen Seele. Hier werden wir zu uns selbst, ohne Rücksicht darauf, was unsere Eltern, die Kollegen oder die Genossen aus uns machen wollen. Leider erreichen viele Menschen dieses Stadium entweder überhaupt nicht oder nur in Form einiger kleiner Persönlichkeitsanteile. Denn der Übergang von der Stammesseele zur essentiellen Seele ist nur durch Opfer möglich. In diesem Quadranten werden wir frei und gewinnen den nötigen Abstand.

Die vierte Seele jedoch erreichen wir alle - mit unserem Tod. Es ist die "große", die all-umfassende Seele des Universums, oder vielleicht Gott: das, woher wir kamen und wohin wir nach dem Tode wieder hingehen werden. Falls wir es noch in diesem Leben zu einer Erleuchtung bringen, so verbinden wir uns mit dieser Seele bereits vor dem Tod.

Die Aufstellung

Die Klientin - nennen wir sie Dana - ist um die fünfzig. Sie kommt mit einem einfach aussehenden Anliegen zum Seminar: Sie will ihre Sexualenergie anschauen und wissen, wie ihre Seele zu Sex/Sexualität steht. Das klingt für mich ein wenig zu esoterisch; ich frage sie daher konkret, wie der Sex mit ihrem Partner, falls sie einen hat, aussieht. Sie antwortet, sie lebe mit einem zehn Jahre jüngeren Mann zusammen, den sie sehr liebe, mit dem sie sich im Bett jedoch irgendwie nicht verstehe. Ich schlage daraufhin vor, dass sie jeweils Stellvertreter für sich selbst (Klientin), ihren Partner (Mann), ihre Seele und den Sex wählen und aufstellen soll. Das macht sie - die Anfangsposition ist im ersten Bild dargestellt. Es ist noch wichtig zu sagen, dass sie für ihre Seele einen Mann auswählt.


Sex ist eine attraktive, auffallend geschminkte Frau. Auf meine Frage, wie sie sich fühle, gibt sie an, dass sie sich ein wenig langweile: "Die Klientin sieht mich zwar an, aber ich spüre bei ihr kein Interesse."

Der Mann wechselt gleich am Anfang der Aufstellung die Position - von dem neuen Platz aus (gepunkteter Umriss) betrachtet er abwechselnd die Klientin und den Boden vor sich. "Es geht mir schlecht und ich fühle mich allein", beschreibt er seine Situation. Die Stellvertreterin der Klientin ist unentschlossen: "Es zieht mich zu dem Mann, aber ich kann mich nicht bewegen. Genau gesagt, ich kann nicht diese Linie überschreiten", sagt sie, indem sie auf die Grenze zwischen der essentiellen und der Stammesseele deutet. Die auffallendste Reaktion zeigt jedoch die Seele: Der Stellvertreter knickt in der Taille um und bleibt mit hängendem Oberkörper so stehen; seine langen Haare berühren dabei fast den Boden. Er verstehe es selbst nicht, erklärt er, aber er müsse es einfach so machen. Nach einer gewissen Zeit hält es Sex nicht mehr aus: "Ich muss was machen!" verkündet die Stellvertreterin, bewegt sich auf die Seele zu und richtet diese unter großem Aufwand auf. Das gefällt der Seele. Das Bemühen des Sex um die Seele aktiviert auch den Mann, der anfängt, beginnt, sich langsam in den roten Quadranten zu bewegen. Zugleich aktiviert das Bemühen des Sex um die Seele auch den Mann, der allmählich den roten Quadraten betritt. Seine Bewegung bewirkt wiederum eine Gegenbewegung bei der Klientin -sie erreicht nun ziemlich genau die Stelle, an der zuvor der Mann stand. Die neue Situation ist auf dem zweiten Bild dargestellt.


Die Seele ruft um Hilfe

Bevor ich mit der Schilderung der Aufstellung fortfahre, möchte ich einen Blick auf den bisherigen Verlauf werfen, beginnend mit der anfänglichen Aufstellung der Stellvertreter durch Dana:
Auf dem allerersten Bild sehen wir, dass sie sich selbst, ihre Seele sowie den Mann in den schwarzen Quadranten platzierte und damit in den Abschnitt unseres Lebens, an dem wir das suchen (und finden sollen), was unsere Essenz ist. Die - mehr oder weniger abhängige - partnerschaftliche Beziehung ist hier bereits nicht mehr so wichtig; vielmehr geht es um die Fähigkeit der Wahrnehmung des Ganzen, um Weisheit. Aufgabe in diesem Quadranten ist die Akzeptanz dessen, was wir "die Wahrheit" nennen und die Verschmelzung der Gegensätze.

Das bedeutet natürlich nicht, man sollte in dieser Phase auf den Sex verzichten. Nur wird es hier nicht mehr so impulsiv hergehen, die Triebhaftigkeit wieauch die Unschuld und Süße der ersten Jahre werden hier fehlen. Die Zeit des Küssens unter den blühenden Kirschbäumen gehört ja zum Beltine-Fest und liegt örtlich zu Beginn des zweiten Quadranten. Aber gerade dorthin stellte Dana ihren Sex. Vielleicht wollte sie damit ihre Sehnsucht nach dem Jung-sein und der Romantik der warmen Mainacht zum Ausdruck bringen, vielleicht hat sie das damals nie erlebt.

Gleich zu Beginn der Aufstellung bewegt sich der Mann zur Familienseele hin - genau gesagt zum Anfang seiner Kindheit - und verbleibt hier in einer gewissen Unzufriedenheit. Erst in dem Moment, als der Sex sich um die Seele (dargestellt durch einen Mann) zu kümmern beginnt, setzt der Mann seine Bewegung in den Stammesseelen-Abschnitt fort. Parallel dazu / Zugleich wandert die Klientin nun ziemlich genau auf seinen zuvor eingenommenen Platz. Was hat das zu bedeuten?

Die Bedeutung dieser Bewegungen ist nur schwer begreiflich, ohne das Konzept der vier Seelen zu Rate zu ziehen; es wird jedoch leicht verständlich, wenn wir damit vertraut sind. Das soeben Gesehene ist uns aus vielen partnerschaftlichen Beziehungen vertraut: Die abwechselnde Regression in die Kindheit. Aus der Transaktionsanalyse von Eric Berne wissen wir um die drei Ebenen der menschlichen Kommunikation - Kind, Erwachsene und Eltern. In einer Partnerschaft sollten sich beide der Erwachsenen-Ebene bedienen, doch oft kommt in einem der Partner das Kind, im anderen dann das Elternteil stärker zum Ausdruck. Dann appelliert der eine (häufig non-verbal): "Kümmere dich um mich!", und der andere antwortet: "Aber nur, wenn du brav bist, wenn du es verdient hast!"
Diese Art der Kommunikation (bei der es sich freilich viel mehr um ein Missverstehen handelt) wird dann im sexuellen Bereich ein Hindernis für das Paar darstellen. Denn sofern einer der Partner in das innere Kind geht, schwinden Lust und Interesse bei dem erwachsenen sexuellen Selbst des anderen. Das gilt insbesondere für die Situation, wenn der Mann - in der Rolle des Kindes - in seiner Partnerin die Mutter sucht. Geht diese dann auf dieses Spiel nicht ein, wird sie sich oft und unberechtigterweise als frigide empfinden..

Und genau das ist in unserer Aufstellung geschehen. Obwohl Dana den Mann so sehen wollte, wie sie ihn aufgestellt hatte - nämlich mit ihr zusammen im schwarzen Quadranten, regredierte er (womöglich unter ihrem Eltern-Blick) ins kleine Baby. Vielleicht hatte er diese Phase in seinem Leben nur ungenügend erlebt oder wurde dort traumatisiert - wir wissen es nicht. Sicher ist aber, dass wir nur durch das Bewusstwerden unserer früheren ungelösten Bedürfnisse weiterkommen. Und auch das können wir hier als rituelle Bewegung weiterverfolgen: Der Sex der Klientin beginnt, sich um die nach Hilfe rufende Seele zu kümmern. Dazu kommt er aus der "romantischen" Position auf den Platz des "erwachsenen", weisen, reifen Sexes. Darauf reagiert auch der Mann mit einer Bewegung, die wir als Erwachsenwerden verstehen können. Er nähert sich der Klientin und tritt in den roten Quadranten ein, in die Phase des Erwachsenseins.

Doch nun begibt sich die Klientin in die Regression und nimmt ziemlich genau den früheren Platz des Mannes ein. Auch sie muss nun bewusst die ungelösten Stadien ihrer Entwicklung noch einmal durchgehen. Darin genau kann auch der versteckte Gewinn solcher Konflikte in der Partnerschaft liegen - im Erkennen der eigenen unbewussten Entwicklungsdefizite und ihrer nun bewussten Aufarbeitung / in der Aufdeckung eigener, unerkannter Entwicklungsdefizite und ihrer bewussten Aufarbeitung. Doch ohne deren Entschlüsselung würden beide Partner darauf pochen, dass der andere sich falsch verhält. "Ich habe ja ein Recht darauf, geliebt zu werden", ist dann eine gängige Behauptung, wobei häufig übersehen wird, dass immer wieder frühere Muster gelebt werden, ohne dass diese aufgelöst würden.


Opfer

Lassen Sie mich noch ein Wort zu dem recht befremdlichen Benehmen der Seele verlieren: Ihr Stellvertreter wollte seinen Platz nicht verlassen, signalisierte jedoch non-verbal, dass er Hilfe benötigt und aktivierte dadurch den Sex. Durch die Bewegung brachte er ein Opfer dar - er opferte seine Jugendlichkeit. Er wurde reifer, älter, und passierte dabei die wichtige Grenze zwischen der Stammesseele und der essentiellen Seele. Auf den Jahreskreis übertragen entspricht dies dem Lugnasad-Fest, das wir in der Nacht vom 31.7. zum 1.8. feiern und dessen tiefe Bedeutung die des "Opfers" ist. In einem Übergangsritual lassen wir all jenes hinter uns, was wir auf unserer weiteren Reise nicht benötigen. Wir opfern alles, was wir erreicht haben, aber nicht mitnehmen können - sei es unsere erfolgreiche Karriere, unsere angehäuften materiellen Güter, das Haus, das Festhalten an unseren Kindern. Denn nun begeben wir uns auf die Suche nach unserer eigenen Seele, nach der Essenz, in die Tiefe unseres Selbst.

Doch das Opfer muss nicht zwingend materieller Natur sein. Es erfordert oft, vor allem unsere Vorstellung von "richtig" und "falsch" zu opfern, unsere Vorstellung davon, wie unser Leben aussehen soll. Oder es geht, wie in der Aufstellung, um die Opferung des romantischen Sexes, den wir dort lassen müssen, wo er hingehört. Da in der "Zyklischen Seele" auch eine Bewegung gegen den Uhrzeigersinn möglich ist, können wir diese Romantik nach Festigung unserer Position im dritten Quadraten auch - wenngleich als Besucher - wieder erleben. Doch ist zunächst ein Loslassen nötig - sonst droht die unbewusste Rückkehr aus einer Angst heraus, und das bedeutet eine Regression.

In diesem Sinne bedeutet "Opfer" also nicht der Versuch, die Gunst der Götter zu erlangen, sondern das bewusste Ablegen dessen, was uns an der weiteren Entwicklung hindert. Der heutige Mensch hat die Wichtigkeit des Opfers jedoch vergessen. Wir möchten alles behalten - die ewige Jugend, garantiert durch die plastische Chirurgie, ein risikofreies Leben mit Hilfe von Versicherungen, die garantierte Gesundheit durch immer teurere medizinisch-industrielle Pharmazie, bis hin zu Erdbeeren oder Veilchen im Winter, per Luftfracht importiert aus Südafrika. Doch dadurch stocken wir in unserer Entwicklung, wir bleiben in der kindlichen oder in der Stammesseele verhaftet und kommen nicht weiter. Wir gelangen nicht zu Weisheit und innerem Frieden, lernen nie unsere (eigentliche) Essenz kennen. Das Resultat dieser Stagnation sind kindliche Erwachsene oder kraftlose Rentner, die niemand braucht und die keiner ehrt. Daher ist der Schritt, den der Sex in der Aufstellung gemacht hat, so wichtig: er opferte seine romantische Gestalt und erlangte dadurch Weisheit.

Das Schlussbild

Der Rest der Aufstellung ist einfach erklärt: Sex kommt, nachdem die Seele aufgerichtet ist, bis auf zwei Meter zur Klientin hin. Diese reagiert zunächst passiv: "Schön, also soll sie (die Stellvertreterin von Sex) zu mir kommen!" Aber so geht es nicht. Es ist die Klientin selbst, die sich bemühen muss, damit ihre sexuelle Energie "erwachsen" wird. Das bedeutet auch, dass sie sich um ihre Attraktivität kümmern muss, um das, was ich in meinen Büchern "die Kunst der Scheherezade" nenne - die Fähigkeit der Frau, durch immer neue Erscheinungsformen ihre Anziehungskraft für den Mann zu erhalten. Das begreift die Klientin, und so strahlt das Schlussbild eine neue, erwachsene Harmonie aus (die letzte Illustration).

Wir sehen die Seele der Klientin, die im Schlussbild der Aufstellung tief im schwarzen Sektor steht - im essentiellen Quadrant. Von dieser Position aus führt sie alle anderen Gestalten im Uhrzeigersinn - also in Richtung der Entwicklung der Zyklischen Seele. Die Klientin steht an der Grenze zwischen der Stammesseele und der essentiellen Seele und verbindet nun ihre Sexualität mit der Spiritualität des dritten Quadranten. Sinnigerweise bildet ihr Sex nun die Verbindung zum jüngeren Mann, der "noch" im zweiten Quadranten mit der Erschaffung der Stammes-Werte beschäftigt ist. Alle vier Aufstellungsbeteiligte halten sich an den Händen und sind in Harmonie. Hier beenden wir die Aufstellung.Aufstellung.

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